Kolumne 17/2013 [29.04.2013]: Verantwortung übernehmen

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Liebe Leserin, lieber Leser,

eigentlich wollte ich an dieser Stelle ausführlich auf eine neue Studie der University of Exeter eingehen. Britische Forscher haben untersucht, wie sich das Leben in der Nähe von Parks oder Wäldern auf das Wohlbefinden auswirkt. Das Ergebnis verblüffte die Wissenschaftler: Bäume, Sträucher, Gras und Vogelgezwitscher, in der Luft liegt der Geruch von feuchtem Waldboden oder frisch gemähtem Gras. All das kann Menschen auf Dauer glücklicher machen als eine Hochzeit oder ein neuer Arbeitsplatz.

Hannover als grünste Stadt Deutschlands müsste also die Stadt der Zufriedenheit und des Glücks sein. Aber zwischen Glück und Unglück, in diesem Fall sogar einer Tragödie, liegen oft nur Momente. Ein paar Herzschläge, die plötzlich alles ändern und auf den Kopf stellen. So wie jener Telefonanruf, den ich am Freitagmittag erhielt. Es war am Ende eines heiteren Termins in der Ernst August Brauerei - das neue Bier für das Schützenfest wurde eingebraut - als mich ein Freund aus Hameln erreichte. Fassungslos berichtete er, Rüdiger Butte sei tot, der Landrat aus Hameln-Prymont. Erschossen.

Die Nachricht hat mich schwer getroffen. Ich habe Rüdiger Butte gekannt und gemocht, ihn geschätzt für seine ganz besonderen Fähigkeiten. Wie er sich Menschen zuwandte, ihnen zuhörte, ihnen zu helfen versuchte. So wie er es sicherlich auch getan hätte, wenn am Freitag dazu überhaupt eine Chance gewesen wäre.

Ich fühle mit. Mit seiner Familie und seinen Freunden, seinen Weggefährten. Ich fühle mit den Bürgerinnen und Bürgern, die in Rüdiger Butte einen Partner als Landrat hatten, wie man sich einen Menschen und Politiker wünscht. Die große Anteilnahme, aber auch Fassungslosigkeit über die entsetzliche, unbegreifliche Tat dokumentiert der Gottesdienst, zu dem auch ich gefahren bin. 800 Menschen sind zusammen gekommen, um die Hilflosigkeit, die einen in solchen Situationen ereilt, gemeinsam zu verarbeiten.

Ich wünsche Familie und Freunden in Hameln-Pyrmont viel Kraft und hoffe, dass sie diesen Verlust bewältigen. Rüdiger Butte werde ich als lebensbejahenden und menschenfreundlichen Politiker und überragenden Landrat in Erinnerung behalten.

Umzuschalten nach diesem Geschehen und diesem Gottesdienst am Samstag und Sonntag ist mir schwer gefallen. Die vielen Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen an diesem Wochenende haben es mir dann etwas erleichtert. Im Nachbarschaftstreff Nord-Ost, der seinen sechsten Geburtstag feierte, sind die „Dance Kids“ aus dem Gorch-Fock-Ring in List Nord mit den „Tanzmäusen“ zusammen getroffen. Kinder verschiedenster Nationen haben den 100 Besucherinnen und Besuchern gratuliert. Im Zirkus Giovanni dann am Abend habe ich eine fantastische Premiere erlebt. Jugendliche, kleine und kleinste Kinder helfen einander, führen ein lyrisches und athletisches Programm auf, das das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Drei Stunden, in denen man in eine andere Welt abtaucht und das Gute am Zusammenleben erlebt. Am Sonntag dann die Jugendfeier der Jungen Humanisten im Aegi. Mehr als 800 Freunde und Familienangehörige haben dort das „Erwachsenwerden“ von 50 Jugendlichen in einer Jugendweihe gefeiert. Für die Humanisten ist die Jugendfeier frei von parteipolitischen Inhalten. Philosophische und lebensnahe Gedanken und Überzeugungen prägen dieses Ereignis. Meine Festrede hat deshalb gehandelt von der Individualität der Kinder, die zu Erwachsenen werden. Von der Verantwortung für sich und gleichzeitig damit auch von der Verantwortung für andere in ihrem Gemeinwesen. Verantwortung, die Rüdiger Butte gelebt und verkörpert hat, die der Mann, der ihn tötete, aber offenbar nie kannte.

Lassen Sie uns zusammen stehen in dieser Woche. Lassen Sie uns über Verantwortung sprechen und sie auch zeigen am 1. Mai. Sie werden mich auf dem Klagesmarkt finden!
Ihr

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