Zum Frieden verpflichtet

 

Wir haben in Hannover Orte von großer Symbolkraft. Die Herrenhäuser Gärten beispielsweise erinnern an feudale Pracht und wie diese heute von allen Bürgerinnen und Bürgern genutzt werden kann. Die HDI-Arena, das frühere Niedersachsen-Stadion, steht nicht nur für Sport, sondern auch für den Willen und die Kraft zum Wiederaufbau.

Die Ruine der ehemaligen Aegidienkirche ist das bedeutendste Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewalt. Am 8. Mai haben Landesbischof Ralf Meister und ich dort an die bedingungslose Kapitulation Hitler-Deutschlands vor 70 Jahren erinnert.

„Frieden ist alternativlos“, sagte Meister. Deshalb dürfen wir nie vergessen, wie es zum Gegenteil kam. Noch weit angefangen vor dem 30. Januar 1933, einem Katastrophendatum in der deutschen Geschichte. Mit der Übernahme der Regierungsgewalt unter Hitler begannen Diktatur, rassistische Verfolgungen und die brutale Ausschaltung von Opposition und Widerstand. Der Weg ging weiter zum 1. September 1939, an dem das nationalsozialistische Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Krieg eröffnete, bis zum 9. Oktober 1943, an dem Hannover den schwersten Luftangriff auf die Stadt erlebte. 1.245 Luftkriegstote waren in der einen Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 zu beklagen.

Wir erinnern uns an die Verfolgten des nationalsozialistischen Unrechtsstaats - und übernehmen damit eine Verpflichtung. Eine Verpflichtung, uns einzusetzen für Menschenwürde, für Frieden, für Solidarität. Wir erinnern uns an die Euthanasiemorde, auch an etlichen Kindern und Erwachsenen aus Hannover, an die ausgegrenzten und ermordeten Juden, an die Sinti und Roma aus Hannover, an die Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und ermordeten KZ-Häftlinge, an die in Hannover geborenen Zwangsarbeiterkinder, an die 386 Ermordeten, die auf dem Ehrenfriedhof am Nordufer Maschsee begraben wurden, an die mehr als 300 KZ-Opfer, die auf dem jüdischen Friedhof Bothfeld ihre letzte Ruhestätte fanden, an die bekannten und vielen unbekannten Opfer der NS-Wehrmachtsjustiz. An die politisch Verfolgten aus Hannover, die im Widerstand und in der Opposition an ihren Überzeugungen festhielten. Arbeiter, Angestellte und Selbständige -Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten, die ihre Überzeugung mit dem Leben bezahlen mussten.

Auf die Kapitulation Deutschlands, auf die Befreiung der Verfolgten am 8. Mai 1945, ist eine 70-jährige Friedenszeit in Mitteleuropa gefolgt. Friedensschluss und Friedenssicherung sind für uns in Hannover ebenfalls eine Verpflichtung, etwa zur Völkerverständigung im Kleinen. Die Städtepartnerschaften Hannovers sind dafür ein sprechendes Beispiel ebenso wie die internationale Jugendbegegnung zwischen Heranwachsenden aus Griechenland, aus Polen, Russland und Hannover.

Vor 70 Jahren begann der Weg zur Demokratie. Von den Siegermächten, besonders den westlichen, hat Deutschland gelernt, wie Demokratie geht. Ebenso aus den eigenen Erfahrungen in der Weimarer Republik. Zur geglückten demokratischen Entwicklung gehörte besonders die Bewältigung der enormen Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen aus den im Krieg von Deutschland besetzten osteuropäischen Gebieten. 1955 war jeder vierte Hannoveraner ein Flüchtling oder ein Zuwanderer. Die historische Integrationsleistung dieser Epoche war enorm. In einer Zeit, in der die Hannoveraner nicht viel zu Essen hatten und längst nicht alle ein Dach über dem Kopf, hieß jeder die Neuankömmlinge willkommen. Diese Bereitschaft zur Hilfe kann und sollte uns heute lehren, Flüchtlinge aufzunehmen und willkommen zu heißen.

Ich bin unseren Vorfahren dankbar, dass die Ruine der Aegidienkirche als Mahnmal stehen blieb. Nirgendwo sonst in der Stadt finden wir einen eindrucksvolleren Ort, um uns an Krieg und Nationalsozialismus zu erinnern und die Verpflichtung zu Frieden zu begreifen. Die beinhaltet auch, Menschen in Furcht vor Krieg und Verfolgung die Hand zu reichen.

 


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